„Manche haben außer der Aidshilfe fast nichts mehr“

17. März 2012 von Gastbeitrag in Life+, Prävention 1 Kommentar
Rote Schleife

Die Rote Schleife: weltweites Symbol für Solidarität mit Menschen mit HIV und Aids (Illustr.: istockphoto.com)

Birgit Schreiber hat für das Buch „Annäherungen. Ein Lesebuch zur Arbeit in Aidshilfen“ Menschen interviewt, die sich haupt- oder ehrenamtlich für einen informierten, selbstbestimmten und solidarischen Umgang mit HIV und Aids engagieren. Zum Beispiel André Bußkamp, 31, Fachbereichsleiter „Ambulantes Betreutes Wohnen“ bei der AIDS-Hilfe Essen e. V.:

Seit sechs Jahren bin ich bei der Aidshilfe und leite das „Ambulante Betreute Wohnen“. Die Arbeit ist erfüllend, spannend und enorm vielfältig. Die Klientinnen und Klienten haben sehr unterschiedliche Gründe, weshalb sie von uns unterstützt werden möchten. Manche haben außer der Aidshilfe fast nichts mehr. Wir begleiten viele sehr intensiv, manche bis zu ihrem Tod. Eine vertrauensvolle Beziehung ist die Grundlage der Begleitung.

Meist kommen die Menschen in einer akuten Krise zu uns. Sie fühlen sich isoliert, ihr soziales Netz trägt sie nicht mehr. Viele nehmen sogenannte harte Drogen, andere trinken übermäßig Alkohol. Ein Großteil hat psychische Probleme, vor allem Depressionen, aber auch Borderline-Störungen und Psychosen. Die HIV-Infektion und die daraus resultierenden Fragen und Schwierigkeiten kommen dann nur noch hinzu.

Wir geben Hilfe zur Selbsthilfe

Wir nehmen die Menschen wie sie sind, ohne Vorwürfe, ohne Schuldzuweisungen – so, wie es sich die Aidshilfe als Leitlinie auf die Fahnen geschrieben hat. Unser Ziel ist immer Hilfe zur Selbsthilfe, damit unsere Klientinnen und Klienten irgendwann wieder ein eigenständiges Leben führen können.

Derzeit sind wir sieben Mitarbeiter und betreuen über 50 Klienten, ungefähr 60 Prozent sind Männer. Der Jüngste von ihnen ist 21, der Älteste 56. Seit 2007 bieten wir neun Wohnungen in einem eigenen Haus an, dem Günter-Fischer-Haus. Die anderen Klientinnen und Klienten wohnen in ihren eigenen Wohnungen im Stadtgebiet. Egal, ob bei uns im Haus oder außerhalb: alle haben ihre eigenen Mietverträge und werden ambulant betreut.

Gemeinsam entwickeln Klient und Betreuer einen Hilfeplan, der ungefähr für ein Jahr angelegt ist. Je nach Bedarf treffen wir die Betreuten einmal in der Woche oder auch täglich. Daraus entstehen in der Regel sehr intensive Beziehungen mit großer Dynamik. Damit Nähe und Distanz in einem angemessenen Verhältnis stehen, besprechen wir uns häufig und lassen uns regelmäßig supervidieren.

Es erschreckt, wie wenig manche Fachkräfte über HIV wissen

Manche bleiben so lange bei uns, bis wir sie in ein Pflegeheim überweisen müssen. Das war im letzten Jahr zweimal der Fall. Wir sind kein Pflegedienst und auch kein Hospiz, unsere Betreuung ist ambulant und hat deshalb Grenzen. Wir arbeiten mit Pflegediensten zusammen, die Menschen mit Pflegestufe in ihren Wohnungen versorgen. Mittlerweile funktioniert das gut, aber dafür mussten wir einiges investieren. Wir haben zum Beispiel erlebt, dass eine Pflegekraft einen unserer Mieter in einem weißen Schutzanzug besucht hat. Der Klient war entsetzt, genauso wie wir. Es erschreckt, dass manche Fachkräfte noch immer so wenig über HIV und die Infektionsrisiken wissen.

Andre Busskamp

André Bußkamp

Das betrifft Pflegedienste, das Personal in Pflegeheimen, aber auch Krankenschwestern und – pfleger sowie Ärzte und Ärztinnen im Krankenhaus. Wir haben darauf reagiert. Statt uns über Wissensdefizite zu beschweren, haben wir uns gesagt: Es ist wichtig, dass sie über ihre Ängste reden und etwas dagegen tun. Wir bieten inzwischen bei den mit uns kooperierenden Pflegediensten Schulungen an, führen Inhouse-Seminare durch, besprechen gemeinsam Fälle und schulen auf Wunsch das Personal in Heimen.

Psychisch belastete Menschen brauchen kontinuierliche, fachgerechte Hilfe

Voraussetzung für eine gute Betreuung unserer Klientinnen und Klienten ist neben fundiertem Fachwissen die Fähigkeit zur Gestaltung tragfähiger Beziehungen. Ein Großteil der Hilfesuchenden ist psychisch belastet und braucht kontinuierliche fachgerechte Hilfe. Deshalb begleiten wir sie auch bei alltäglichen Angelegenheiten, wozu unter anderem Zahnarztbesuche gehören. Davor haben viele Angst, vor allem Drogenabhängige, weil sie seit Jahren nicht beim Zahnarzt waren und deshalb eine längere Behandlung benötigen. Das bedeutet wochenlange Vorbereitung und Motivation. Während der Behandlung selbst brauchen sie oft jemanden, der sie bestärkt. Hinterher sind sie dann enorm stolz, dass sie die Herausforderung gemeistert haben.

Wir stellen uns auf diese und andere Bedürfnisse unserer Klientinnen und Klienten ein und entwickeln uns mit ihnen. Das bedeutet zum Beispiel, dass wir heute auch viel über HIV und Alter reden. Dank der verbesserten Behandlungsmöglichkeiten haben viele HIV-Infizierte eine beinahe normale Lebenserwartung, und der Bedarf an qualifizierter Pflege im Alter wächst. Hier sind Innovationen gefordert, hier müssen wir mitwachsen, uns zu dem Thema informieren, weitere Schulungen entwickeln. Auch Lobbyarbeit ist weiterhin ein wichtiger Teil unserer Arbeit.

Innovation brauchen wir auch und vor allem in der Arbeit mit Migranten. Unser Projekt für schwarzafrikanische Männer heißt „Black + Male“. Es bietet aufsuchende Prävention und Beratung, zielt auf die Vernetzung der Hilfesysteme und ermöglicht zugleich den Erwerb von Fähigkeiten für die interkulturelle Aidshilfe-Arbeit. Bisher gibt es kein passendes Angebot für diese Zielgruppe. Und das wollen wir ändern.